Stolperstein-Verlegung in Johannisthal am 14.09.2026
10. September 2026
Johannisthal, Stolperstein, Verlegung
14. September 2026, 15.00 Uhr, Trützschlerstraße 22, 12487 Berlin — Für Elise und Rosa Beermann sowie Margarete, Rita und Hildegard Caspary











Rede von Karlotta Ehrenberg am 14. September 2026
Liebe Rosa und Liebe Lise!
Ich habe Euch mehrere Karten gesandt, bin aber seit dem 2. Dezember ohne Antwort. Teilt mir bitte mit, wie es Euch geht. Wir haben den Winter überstanden. Sacki wurde Anfang Januar vom Bauch operiert und fühlt sich seitdem viel besser. Er kann wieder besser gehen. Ionel ist seit Weihnachten wieder bei uns und arbeitet in einem Laboratorium, aber ohne Gehalt. Die Wirtschaft ist nun klein, aber trotzdem bin ich sehr angestrengt, man wird ja nicht jünger. Trotzdem es Frühling ist, ist es kalt und muss man heizen und den Wintermantel anziehen. Schreibt bald. Mit 1000 Grüßen und Küssen von Eurer Euch liebenden Anna
„Das ist der Text einer Postkarte, die Anna, die jüngere Schwester von Rosa und Elise Beermann im Frühjahr 1942 aus Rumänien sandte. Dort lebte sie seit ihrer Heirat um 1911. Anna machte sich Sorgen um ihre älteren Schwestern, wusste jedoch noch nicht, dass Rosa und Elise im Januar von den Nazis deportiert und ermordet worden waren. Die Karte wurde also zurück geschickt, weil sie hier, in der Trützschlerstraße 22, nicht zustellbar war. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Margarete Caspary ihr langjähriges Zuhause im Erdgeschoss dieses Hauses schon Monate vor ihrer Deportation im November 1942 räumen musste, hier im Frühjahr 1942 also schon andere Leute wohnten, Leute mit Ariernachweis. Die Liste der Möbel, Kleider und anderen Dinge von Elise und Rosa Beermann, die man in der Akte der NS-Vermögensverwertungsstelle auch heute noch finden kann, trägt das Datum vom 5. März 1942. Dort ist auch vermerkt, dass ‚die Wohnung (…) nach Vornahme der Reparaturen von Bombengeschädigten bezogen werden‘ kann.

Jedenfalls ist diese Karte zurück nach Constantza, Rumänien, zu Anna gelangt, und die hat sie Zeit ihres Lebens aufbewahrt. Ihr Sohn Ionel, von dem auf dieser Karte auch die Rede ist, hat sie geerbt. Er ist in seinem Leben sehr häufig umgezogen und hat sie nicht nur an jeden Wohnort in Rumänien, sondern auch in die USA mitgenommen, als er dorthin auswanderte. Auch dort kam die Karte bei jedem Umzug mit. Als Ionel starb, fiel sie schließlich seiner Tochter Manuela in die Hände, die heute hier mit uns steht. Was macht man mit so einem Erbstück? Manuela nahm sie zum Anlass, Kontakt zu der Stolpersteininitiative Berlin aufzunehmen.

Und so stehen wir jetzt hier und dürfen diese Steine legen und an fünf jüdische Frauen, Elise und Rosa Beermann, an ihrer Vermieterin Margarete Caspary sowie deren beiden Töchter Rita und Hildegard Caspary erinnern. Die Schwestern Caspary flüchteten 1939 nach Großbritannien und zogen nach dem Krieg weiter in die USA. Von Rita Caspary, die nach ihrer Heirat Horova hieß, wissen wir, dass sie in demselben Bundesstaat starb, in dem Manuela mit ihrem Mann Howard heute lebt: New Jersey. Das ist natürlich Zufall. Ob es aber Zufall war, dass die Familien Beermann und Caspary hier in der Trützschlerstraße zusammen fanden, wissen wir nicht, wir vermuten, dass sich die ungefähr gleich alten Frauen kannten, als Elise und Rosa Beermann 1939 von Leipzig nach Berlin kamen, um bei Margarete Caspary einzuziehen. Rund zwei Jahre lebten sie zusammen, ehe sie die Nazis abholten, deportierten und ermordeten.
Die Postkarte von Anna erzählt von dem abrupten und gewaltvollen Ende einer Schwesternbeziehung. Sie gibt jetzt aber auch den Anlass für den Anfang einer neuen Geschichte, die dieser Stolpersteinverlegung, unserer Begegnung und der Erinnerung an Elise und Rosa Beermann, an Margarete, Rita und Hildegard Caspary hier, an ihrem letzten, freiwillig gewählten Wohnort in Deutschland.
Dear Manuela, thank you so much for passing this postcard on to us and sharing your family’s story with us. Thank you, Manuela and Howard, for coming all this way, and thank you, Simone and John, for being with us today.“

Historischer Hintergrund zur Trützschlerstr. 22

Mit Stolpersteinen an die Opfer der Nazi-Barbarei zu erinnern, hat sich die Stolperstein Initiative vom Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Treptow e. V. (BdA) zur Aufgabe gemacht. In Johannisthal wurden inzwischen elf solcher Gedenksteine ins Straßenpflaster eingesetzt. Die letzten vier im Januar dieses Jahres vor der Greifstraße 16. Nun kommen fünf neue dazu.
Elise und Rosa Beermann zogen im Dezember 1939 in der Trützschlerstraße 22 ein, zur Untermiete bei Margarete Caspary. Zuvor lebten sie in Leipzig. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die drei jüdischen Frauen kannten. Sie befanden sich in einem ähnlichen Alter. Die gelernte Kontoristin Elise Beermann war 65, ihre Schwester Rosa 66, Margarete Caspary 59 Jahre alt. Die Wohnung bot jetzt Platz. Margarete Casparys Tochter Hildegard war noch kurz vor Kriegsbeginn die Flucht vor den Nazis nach Großbritannien gelungen, wie schon vorher ihrer jüngeren Schwester Rita.
Rund zwei Jahre lebten die drei Rentnerinnen zusammen, bis die Nazis Elise und Rosa Beermann am 13. Januar 1942 nach Riga deportierten. Margarete Caspary musste zehn Monate später, am 29. November 1942, in den Deportationszug mit Ziel Auschwitz steigen. Alle drei wurden von den Nazis ermordet.
Die Töchter von Margarete Caspary, Hildegard und Rita, haben die NS-Herrschaft überlebt. Nach dem Krieg zogen sie von Großbritannien in die USA. Die Jüngere heiratete und starb 2004 unter dem Namen Rita Horova im Bundesstaat New Jersey.
An der feierlichen Stolperstein-Verlegung am 14. September 2026 beteiligen sich wieder Schülerinnen und Schüler vom Gebrüder-Mongolfier-Gymnasium. Wenn wir dabei zusammen mit Manuela aus New Jersey, der Großnichte der Beermann-Schwestern, dieser fünf Frauen aus Johannisthal gedenken, steht das symbolisch auch für alle Opfer des deutschen Faschismus. Erinnerung und Mahnung zugleich, gerade jetzt.
