Stolpersteine für die Familie Königsberger

12. Dezember 2024

Peter Bing, Rede anlässlich der Einweihung von Stolpersteine für die Familie Königsberger
in Grünau

„Erst vor wenigen Tagen haben meine Frau und ich, gemeinsam mit unserem 8-jährigen Sohn Danny, einen lebensverändernden Schritt begangen: Wir sind mit unserem gesamten Haushalt dauerhaft von Toronto nach München übergesiedelt. Nun weiß jeder, der schon einmal von einem Ort weggezogen ist, um sich anderswo niederzulassen, dass unweigerlich jener Moment kommt, an dem man sich in seinem früheren Zuhause umsieht, an eben dem Ort, der bis dahin den Lebensmittelpunkt gebildet hat, wo man seinen Leidenschaften gefrönt, Zeit mit Freunden verbracht und liebevoll gehütete Besitztümer aufbewahrt hat. In diesem Augenblick fragt man sich, ob man mit Verlassen dieses Zuhauses nicht auch einen Teil seiner selbst verliert. Ein solcher Weggang ist zwangsläufig mit Verlust verbunden. Doch zugleich tragen wir in Form von Erinnerungen Spuren jenes früheren Lebens in uns. Die Orte, die prägenden Erfahrungen und Freundschaften (festgehalten in Bildern und anderen Erinnerungsstücken) haben weiterhin Einfluss auf unsere Einstellungen und unser Verhalten.
In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts musste die Königsberger Familie ihr wunderschönes Zuhause hier in Grünau aufgrund ihrer Verfolgung durch die Nazis verlassen: Die Familie bestand aus fünf Geschwistern – Susi, Otto, Janne, Elisabeth (meine Mutter) und Helli – sowie ihrer Mutter Käthe (ihr Vater Georg war bereits 1932 verstorben). Käthes Bruder, der berühmte Physiker Max Born, der später den Nobelpreis gewinnen sollte, verlor sehr bald, nachdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren, seinen Lehrstuhl. Sie nannten ihn einen Professor „jüdischer Physik“! Eine schreckliche Erfahrung, doch zugleich ein großes Glück für die Familie, begriff doch seine Schwester – meine Großmutter – sofort, dass Deutschland ein gefährlicher Ort für Leute jüdischer Herkunft geworden war. Dank dieser Einsicht und der
Mittel, über die sie verfügte, machte sie sich schnell daran, ihre Kinder im Ausland unterzubringen. Sie alle kamen unversehrt davon.
Es ist jedoch keine Übertreibung zu sagen, dass sie alle Grünau mit sich nahmen und dass sie Grünau an ihre Kinder, Enkelkinder und darüber hinaus weitergegeben haben. Die ungewöhnliche Langlebigkeit der Königsberger Geschwister half dabei, die Erinnerung wachzuhalten: Grünau blieb bis zum Ende bei ihnen.
In der Wohnung, in der ich in New York aufwuchs, waren die Regale voll mit Bildern aus Grünau. Auf ihnen konnte man das Haus an der Dahme (vom Wasser aus aufgenommen) sehen, das Weihnachtstück, das die Geschwister jedes Jahr zusammen mit Cousins und Cousinen im Arbeitszimmer ihres Vaters zur Aufführung brachten, und auch meine Großmutter, wie sie sich im Garten der Familie um meine Mutter kümmerte, als diese an Scharlach erkrankt war. Unter den Bildern war auch eine wunderhübsche Zeichnung meines Großvaters Georg, die meine Mutter als kleines Mädchen völlig im Spiel versunken vor ihrem Puppenhaus liegend zeigt.
Diese Photographien bildeten wiederum den Ausgangspunkt für Geschichten, die ich immer und immer wieder hören wollte. Ich war völlig verzückt bei dem Gedanken daran, wie meine Mutter und ihre Geschwister im Winter, wenn der Fluss zugefroren war, mit Schlittschuhen in die Schule nach Köpenick fuhren (so etwas konnte man auf dem Hudson nicht tun!); und ich erinnere mich noch genau daran, mit welcher Freude meine Mutter schilderte, wie ihre Eltern, Käthe und Georg, mit unvorstellbarer Grazie über das Eis tanzten. Ich erfuhr, wie die Kinder gleich hier am Dock segeln lernten, wie sie zur Pilzsuche Ausflüge in nahegelegene Wälder unternahmen, und wie ihr Vater Georg ihnen beibrachte, giftige von essbaren Pilzen zu unterscheiden. Und ich lachte, wann immer ich von dem Hahn in ihrem Hof erzählen hörte, der meine Mutter – und nur meine Mutter – zu terrorisieren pflegte: Er wartete jeden Tag beim Tor, um meine Mutter bei ihrer Rückkehr aus der Schule abzufangen mit der eindeutigen Absicht (so behauptete zumindest meine Mutter) sie zu attackieren. Nur das Eingreifen ihrer Geschwister oder der Köchin Emma, die auf ihre verzweifelten Schreie reagierten, konnte sie vor jenem Hahn retten.
Ich bin mir sicher, dass die 35 Cousinen und Cousins, die heute hier versammelt sind – nicht nur die Nachkommen von Käthe und Georg, sondern auch von Georgs älterem Bruder Paul und seinem jüngeren Bruder Willi (weitere wären gerne gekommen, waren aber verhindert) – mit ganz ähnlichen Geschichten und ins Herz geprägten Erinnerungen an Grünau aufgewachsen sind.
Nicht zuletzt deshalb wollten sie heute hierherkommen – und tatsächlich waren viele aus diesem Grund auch früher schon mit ihren Eltern oder Großeltern hier. Wie viele von ihnen sind schon durch die wunderschöne geschnitzte Tür getreten, die meine Großmutter aus dem Familienhaus in Grünau retten konnte und die meine Tante Janne in ihr Haus in England einbauen ließ? Die Schwelle aus dem einen Teil ihres Lebens führte direkt in den anderen Teil. In der Tat essen einige von uns immer noch von Tellern aus Grünau – Teil eines enormen, handbemalten Services, das Käthe 1923 auf Drängen ihres Mannes während der großen Inflation erstand, als Geld über Nacht praktisch wertlos wurde, während Objekte ihren Wert behielten. Würde die Zeit es gestatten, könnte ich noch viele weitere Geschichten erzählen, z.B. wie sich der Spartakusaufstand auf die Familie auswirkte. Doch das spare ich für eine andere Gelegenheit auf.
Lassen Sie mich einfach sagen, dass durch die unzähligen, mit ihrem Leben verbundenen Geschichten Grünau für uns ein Name geblieben ist, der Zauberkraft besitzt.
Wir sind deshalb sehr glücklich darüber, heute mit Ihnen hier zu sein, um die Einweihung der Stolpersteine für Käthe und ihre fünf Kinder sowie der Gedenktafel für die gesamte Familie zu begehen. Wir sind für diese Anerkennung dankbar, und es berührt uns, dass sie im Rahmen von Grünaus 275-Jahrfeier stattfindet. Dass die Königsberger Familie daran teilhaben sollte, erscheint nur allzu passend.
Ich möchte mich auch ganz speziell bei Dr. Marianne Gaethgens bedanken, die für uns zu einer Art Schutzengel in Grünau geworden ist. Im Jahr 2022, als meine Tochter Anna, unsere Cousine Helen und ich erste Pläne schmiedeten, uns um Stolpersteine für die Familie zu bemühen, erhielt ich völlig unvermutet eine Email von Dr. Gaethgens, die kürzlich hierher gezogen war, gleich neben das einstige Familiengrundstück, und um meine Erlaubnis bat, Stolpersteine für die Königsbergers zu beantragen. Ihre Nachricht kam wie aus heiterem Himmel und ich stimmte ihrem Vorschlag sofort zu. Diesen verfolgte sie nicht nur mit zielstrebiger Hingabe, sondern sie erforschte auch auf eigene Initiative die Verbindungen der Familie zu Grünau – dabei stieß sie auf verschiedene Dokumente und Artifakte (z.B. auf das Denkmal für Leopold und Anna Königsberger, die Eltern von Paul, Georg und Willi, hier im Waldfriedhof in Grünau), die niemand von uns kannte. Ich fühle, dass Marianne im Laufe unserer langen Korrespondenz zu einer lieben Freundin geworden ist, und somit möchte ich ihr persönlich sowie im Namen der ganzen Familie für all das danken, was sie getan hat, um diesen Tag Realität werden zu lassen.“

Marianne Gaehtgens, Stolperstein-Initiative des BdA Treptow

Ansprache  zur Feierstunde

Familie Königsberger

am 23. Juni 2024, Festsaal Riviera

„Liebe Familien Königsberger, Kingsley und Kingshill, liebe Freundinnen und Freunde, verehrte Anwesende!

Ein kleines Gedicht  steht am Anfang. Es geht ins Herz und es trägt ein wunderschönes deutsches Wort im Titel: H e i m w e h. Es stammt von der  in Galizien geborenen deutsch-jüdischen Dichterin Mascha Kaléko. Sie entzog sich der Nazi- Verfolgung durch Flucht in die USA  und später nach Israel. Wie so viele andere Exilanten wurde sie mit der Heimatlosigkeit, der Sehnsucht nach dem verlorenen Zuhause nie ganz fertig. Übersetzt wurden ihre Gedichte von dem  Germanisten Andreas Nolte an der Universität Vermont.

Heimweh, wonach ?                                                                     Homesick, for What ?

Wenn ich „Heimweh“ sage, sage ich „Traum“.           When I’m saying „homesick“, I say „dreams“.

Denn die alte Heimat gibt es kaum.                             ‚Cause the old home‘ s hardly there, it seems.

Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel:                      When I’m saying  homesick, much is said:

Was uns lange drückte im Exil.                                    What in exile had us grieve and dread.

Fremde sind wir nun am Heimatort.                             Strange we feel in hometowns now today.

Nur das „Weh“ , es blieb.                                              Just the „sickness“ stayed.

Das „Heim“ ist fort.                                                       The „home‘ s“ away.

So, oder so ähnlich werden  Ihre Vorvorderen, liebe Familie Königsberger , damals in ihrem Exil auch empfunden haben. Sie mussten alles hinter sich lassen, in fremder Sprache , im fremden Land neu anfangen. Und sie haben sich sicher insgeheim gesehnt nach dem „ schönen Land “, von dem der Chor  soeben gesungen hat. Seien Sie , die Sie den weiten Weg zurück in die frühere Heimat nicht gescheut haben, seien Sie versichert, dass wir hier in diesem „schönen Land“, in Grünau glücklich wären zu wissen, dass ein kleines, ein ganz kleines Stück Versöhnung gelingen kann.

Gerade beim Verlegen der kleinen  glänzenden Messingwürfel erleben wir immer wieder, wie ein Band der Versöhnung entsteht, wie ein Punkt gefunden wird, an dem ein Familientrauma gestillt werden kann und sich Kinder und Enkel der Täter – und Opfergeneration darüber begegnen können.

In diesem Sinne freuen wir uns sehr, dass Sie in so großer Zahl angereist sind.

  Nun noch einige Worte zum Werdegang des Aktes, den wir nachher draußen vor dem früheren Wohnsitz der Familie Königsberger vollziehen werden. Als wir vor 2 Jahren bei Peter Bing, dem Enkel von Käthe Königsberger ( „Peter, please be so kind  to present yourself to the audience !“) als wir also bei Peter Bing anfragten, ob die Familie  mit der Verlegung von Stolpersteinen einverstanden sei, schrieb er zurück:

…..„ diese Anfrage hat mich wie ein Blitzschlag getroffen, wörtlich “ it hit me like a bolt of lightning“. Immer schon hätten sie sich eine Form des Gedenkens am ursprünglichen Familienort , in der alten Heimat gewünscht. Danach entwickelte sich ein intensiver Austausch von Informationen über das frühere und auch das heutige Leben  der Familie. Fotos, Briefe und andere Dokumente  fanden sich, z.B. ein Kriegstagebuch von Georg Königsberger, der mit seinem eigenen Boot für die Marine auf der Weichsel Dienst tat im 1. Weltkrieg.  Bilder des Hauses fanden sich, Dokumente über den versuchten privatenVerkauf des Hauses und die  Konfiszierung des Kaufpreises durch die Gestapo  als Reichsfluchtsteuer und durch Sperrung des Inlandkontos. Das waren dieVorboten des Schreckens ,der nach 1933 mit aller Wucht einsetzte. Und auch wir fanden hier Dinge, die der Familie bisher unbekannt waren, wie eine alte Flurskizze von 1936 oder den wunderschönen Obelisken für die Urgroßeltern Leopold und Anna Königsberger auf dem Grünauer Waldfriedhof. Das ist das älteste Grabmal dort und wir haben es gestern zusammen besucht.

  Diese und viele andere Begebenheiten konnten in Vorträgen vor kommunalen und kirchlichen Gremien, in Schulen und auch in unserer Seniorenresidenz den Grünauer Bürgern nähergebracht werden. So wurde die vergessene Familie uns wieder vertraut. Auf der Stele stehen die Kinder mit ihren zärtlichen Rufnamen: Otto, Helli, Susi, Janne und Lilly –  ganz so, als hätten wir sie gekannt und ihnen beim Spielen in ihrem Garten zugeschaut.

In diesem Garten stand auch damals schon das inzwischen bekannte Grünauer Naturdenkmal, die 200 Jahre alte Blutbuche  – the copperbeech. Ihr ehrwürdiges Alter und ihre majestätische Erscheinung mögen die Ursache dafür sein, dass der Baum wie ein magisches Zeichen immer wieder in Familienerinnerungen auftaucht. Die Buche hat, anders als das Haus, den Bombenkrieg überstanden. Nun erzählt auch die nachher zu enthüllende Gedenkstele von der bedeutsamen Rolle, die diese Blutbuche in der Geschichte der Familie Königsberger gespielt hat und noch immer spielt. In Zukunft sollte sie auch für uns mehr als bloß ein Naturdenkmal sein.

Möge dieser Tag uns und nachfolgende Generationen  daran erinnern, dass wir uns alle engagieren müssen, um den Anfängen des Unheils zu wehren.“