Stolperstein-Verlegung für Berta und Rudolf Ehrlich
16. Januar 2026






Rede von Mathias Ehrich anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen für Berta und Rudolf Ehrlich am 13.12.2025 vor dem Haus Schachtelhalmweg 83 in Altglienicke
„Widerstand gegen den Naziterror zu leisten, war eine schiere Notwendigkeit. Aber es bedeutete auch eine übermenschliche Herausforderung, den Mut, die Zivilcourage aufzubringen, aus unterschiedlichen Motiven, politischen, weltanschaulichen, emotionalen, auch religiösen Gründen. Sie taten das für sich allein oder schlossen sich Widerstandsgruppen an. Zu diesen Menschen gehörten Berta und Rudolf Ehrlich. Sie stellten sich, zusammen mit ihren Mitstreitern in Adlershof, Altglienicke und Bohnsdorf, aus ihrer kommunistischen Überzeugung heraus Hitlers Schergen entgegen. Heute, fast auf den Tag genau 86 Jahre nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo, wollen wir ihrer gedenken und sie mit Stolpersteinen ehren.
Mein Name ist Mathias Ehrich, Ehrich wie Ehrlich ohne L, und ich heiße Sie im Namen der Stolpersteingruppe beim Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Treptow dazu herzlich willkommen.
Berta und Rudolf lernen sich schon als junge Leute kennen. Beide sind Jahrgang 1902. Berta Thiele kommt in Neuzittau als Kind einer Arbeiterfamilie auf die Welt. Sie besucht die Volksschule in Erkner und verdient später ihr Geld als Haushaltshilfe und als gelernte Köchin in Hotel- und Gastwirtschaftsbetrieben in Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg. Auf ihren Wanderungen läuft ihr Rudolf Ehrlich aus Brandenburg an der Havel über den Weg. Er ist gelernter Kellner. Das passt irgendwie. Sie mögen sich, bewerben sich ab jetzt gemeinsam um Arbeit in der Gastronomie, und sie verlieben sich ineinander, zumal sie auch eine gemeinsame proletarische Weltanschauung verbindet. Sie heiraten und kehren nach Berlin zurück, wo sie ein kleines Grundstück in der Siedlung Altglienicke erwerben, die den schönen Namen „Irrgarten“ trägt. Vielleicht auch, weil es damals keine Straßennamen gab. Ihre Straße heißt schlicht Nr. 76, aber die Hausnummer 83 stimmt immer noch. Hier entsteht erst eine kleine Hütte und später das Haus, vor dem wir heute stehen, mit dem von Berta geführten „Tante-Emma-Laden“, der die Bewohner der Siedlung mit Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs versorgt.
Damals ahnen die Ehrlichs noch nicht, dass ihr Laden einmal eine wichtige Rolle in der illegalen Arbeit gegen die Nazis spielen wird. 1927 tritt Rudolf in die KPD ein. Bereits vorher war er in der „Roten Hilfe“ aktiv. Berta bleibt zwar parteilos, aber ist jederzeit politisch interessiert und engagiert. So nimmt sie in der Weimarer Republik an Aktionen zur Abschaffung des Paragraphen 218 teil. Rudolf arbeitet als Waren-Einkäufer für das Geschäft seiner Frau, was ihm viele Kontakte verschafft, die er auch für seine politische Arbeit nutzt. Als Agitator der KPD ist er an der Gründung der Ortsgruppen Kalkberge, Rüdersdorf, Eichwalde und Schulzendorf beteiligt.
Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, zögern die Ehrlichs keine Sekunde, sich dem Widerstand anzuschließen, und sie stellen auch ihren Lebensmittelladen als illegalen Treffpunkt zur Verfügung. Rudolf verteilt Flugblätter, wird schon 1934 verhaftet, aber wegen „Mangel an Beweisen“ wieder freigelassen. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern in der von Otto Nelte geführten Gruppe Adlershof, Altglienicke, Bohnsdorf organisiert er Aktionen gegen die Nazis. Die illegale „Berliner Volkszeitung“ wird gedruckt und verteilt. Berta versorgt Menschen, die sich vor den Nazis verstecken müssen, mit Lebensmitteln und Informationen.
Beim gemeinsamen Zelten oder auf Wanderungen am Ufer des Langen Sees geht es bei politischen Diskussionen hoch her, wobei – wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt – die Regeln der Konspiration nicht immer genügend beachtet werden, von der „Bammelecke“ ist zum Beispiel die Rede. Die Auslandsleitung der KPD schickt 1939 den Instrukteur Willi Gall zur Unterstützung und Anleitung der Widerstandsgruppe nach Berlin, und „Onkel Max“, wie ihn die zehnjährige Johanna entsprechend seinem Decknamen nennt, findet im Haus der Ehrlichs Unterkunft und Versteck. Hier trifft man sich, diskutiert die neuesten Nachrichten, plant weitere Aktionen. Doch das „Kommen und Gehen“ bleibt in der Siedlung nicht unbemerkt. Nicht alle Nachbarn sind den als Kommunisten bekannten Ehrlichs wohlgesonnen. Und die Gestapo hat die Gruppe schon seit einiger Zeit im Visier. So kommt jener verhängnisvolle 14. Dezember 1939, an dem Rudolf und Berta Ehrlich und auch Willi Gall verhaftet werden.
Nach zermürbenden Verhören durch die Gestapo wird Berta Ehrlich am 23. Januar 1941 vom sogenannten „Volksgerichtshof“ zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Feindbegünstigung“ werden ihr vorgeworfen. Zunächst kommt sie ins Zuchthaus Cottbus, dann wird sie nach Waldheim verlegt. Über Rudolf Ehrlich wird für die gleichen „Verbrechen“ eine Strafe von 12 Jahren Zuchthaus verhängt. Otto Nelte und Willi Gall bekommen die Höchststrafe und werden am 25. Juli 1941 in Plötzensee hingerichtet. Rudolf wird in Brandenburg-Görden eingekerkert, in seiner Geburtsstadt, später wird er ins Zuchthaus Hameln in Niedersachsen überführt.
Tochter Johanna, die nach der Verhaftung ihrer Eltern Unterschlupf bei den Großeltern in Brandenburg an der Havel gefunden hat, sieht ihre Eltern erst nach Kriegsende wieder. Berta wird am 6. April 1945 von der Roten Armee aus dem Zuchthaus Waldheim befreit, und Rudolf kommt am 10. Juni 1945 frei. Er setzt alles daran, so schnell wie möglich nach Berlin, in die Sowjetische Besatzungszone, zurückzukehren. Was für ein Glück, dass beide das Ende des Krieges und der Naziherrschaft erleben können.
Mit Enthusiasmus stürzen sich die Ehrlichs in den Aufbau einer neuen, antifaschistischen Gesellschaft. Sie arbeiten, wo sie gebraucht werden. Rudolf kümmert sich um die Beschaffung von Lehrstellen für arbeitslose Jugendliche, beteiligt sich am Aufbau der Druckerei „Vorwärts“ und ist in der Presseabteilung der Deutschen Wirtschaftskommission tätig. Berta wird im Gastgewerbe als Wirtschaftsleiterin eingesetzt und arbeitet später im VEB Schering, aus dem dann Berlin-Chemie wird.
In der DDR ist ihr Kampf gegen die Nazis nicht vergessen. Die älteste Schule in Altglienicke bekommt den Namen Rudolf Ehrlich verliehen. Aber ab 1990 gilt der Name eines kommunistischen Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus nicht mehr als opportun für eine Bildungseinrichtung in der Nachwendezeit. Wie vieles, was an die DDR erinnert, wird er getilgt.
Umso mehr freut mich, dass heute Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der „Schule am Berg“ dabei sind und unser Gedenken mitgestalten, wenn wir hier vor dem Haus der Familie Ehrlich, wo ihre Tochter, Frau Dr. Johanna Mauer, immer noch wohnt, jetzt zwei Stolpersteine für ihre Eltern verlegen.
Denn Erinnern heißt auch, dazu beizutragen, dass sich Derartiges, wie es zwischen 1933 und 1945 geschah, niemals wiederholt!
Danke.“
