Stolperstein-Verlegung für Charlotte, Karl und Leopold Friedbauer sowie Heinrich Peick am 09.11.2025

15. Januar 2026

Rede von Dirk Leicher bei der Stolperstein-Verlegung für den Zeugen Jehovas Heinrich Peick am 9. November 2025

„‚Jude sein ist nichts, und Arier sein ist nichts, ein guter Mensch sein, dass ist alles‘
An die jüdische KZ-Mitgefangene Gabriele Herz gerichtete Worte der Zeugin Jehovas Katharina Thoenes im Frauenlager von Moringen 1936.
Ein solcher Mensch war Heinrich Peick, der hier mit seiner Frau Lina als kinderloses Ehepaar bis zu seiner Verhaftung 1936 lebte.
In welchem Sinne war er gut?
Goethe: Das Göttliche
Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Hilfsbereitschaft der Zeugen Jehovas gegenüber jüdischen Menschen ist historisch belegt. Sie gehörten zu den wenigen, unter den wenigen, die halfen.
25 000 Zeugen Jehovas und 500 000 Juden lebten 1933 im damaligen Deutschen Reich.
Es geht aber bei Heinrich Peick um mehr als sympathische Charakterzüge. Die Beurteilung, in welchem Sinne Heinrich Peick ein guter Mensch war, erfährt durch seine persönliche Biografie eine noch grundsätzlichere Note.
Am 28.08.1881 geboren, übte Heinrich Peick in den 1930er-Jahren den Beruf eines Packers aus und gehörte somit zur Arbeiterklasse wie die meisten der ersten Bibelforscher in Deutschland, wie Zeugen Jehovas damals genannt wurden. Nach den Schrecken des 1. Weltkriegs lernte er in den 1920-Jahren durch die Missionsarbeit der Bibelforscher ihre Lehren kennen und schloss sich ihnen 1924 an. Von seiner Ehefrau Lina ist dies nicht bekannt.
Zur Missionsarbeit der Bibelforscher – ab 1931 Zeugen Jehovas – gehörte das Verbreiten bibelerklärender Literatur von Haus zu Haus. Der Wachturm, 1879 erstmals in den USA durch Charles Taze Russell veröffentlicht, gehörte dazu. Es war dieses öffentliche Bekenntnis zum Glauben, welches die Nazis veranlasste, schon vor der Machtübernahme die Bibelforscher als Feindbild auszumachen und als extrem gefährlich einzustufen. Daher war es kein Wunder, dass Heinrich Peick von der Gestapo beobachtet und schließlich am 13.08.1936 verhaftet und zunächst im KZ Sachsenhausen in Schutzhaft genommen wurde, damit er nicht weiter illegal im Untergrund die Lehren der Bibelforscher verbreiten konnte.
Nach der Überstellung ins Gefängnis Plötzensee wurde er am 27.04.1937 durch ein Sondergericht zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt.
Die Verordnung vom 28. Februar 1933, bekannt als die Reichstagsbrandverordnung, setzte grundlegende Bürger- und Freiheitsrechte außer Kraft, darunter die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Fernmeldegeheimnis. Sie diente als rechtliche Grundlage für die Verfolgung politischer Gegner und den Beginn der NS-Diktatur, indem sie Verhaftungen als „Schutzhaft“ ermöglichte und die Todesstrafe für bestimmte politische Straftaten einführte. Sie bereitete den Weg für das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933, das der Regierung die Macht verlieh, Gesetze ohne Zustimmung des Parlaments zu erlassen und die NS-Herrschaft endgültig zu festigen. Genau dieses Schicksal ereilte Heinrich Peick:
27.08.1937 Überstellung zur Gestapo
18.10.1937 Schutzhaft, Einlieferung ins KZ Sachsenhausen
03.09.1940 Überstellung ins KZ Dachau mit rund 1000 überwiegend kranken Häftlingen.
26.10.1940 verstorben. „Todesursache Herz und Kreislaufschwäche“. Verschleierung der Folter. Er war 59 Jahre alt.
Warum also ein guter Mensch?
Er nahm die schlimmen Folgen in Kauf, die der Widerstand gegen ein totalitäres Regime mit sich brachte. Er wusste, was es bedeutete, den Hitlergruß nicht zu erwidern oder Schriften einer bereits am 24.Juni 1933 verbotenen Organisation zu verbreiten.
Historisch belegt, gehörte Heinrich Peick zu den wenigen, die Widerstand leisteten. In diesem Sinne war er ein guter Mensch. Und in diesem Sinne ist es richtig, einen Stein der Erinnerung gegen das Vergessen der Opfer der Nazis zu setzen. Er hat es verdient.
‚Manchmal fragen wir uns. Wie hätte ich in dieser Zeit auf die Unterdrückung von Menschenrechten reagiert?‘ (Zitat Helge Lindh, SPD, Debatte im Bundestag)
Orientieren wir uns also an Menschen wie Heinrich Peick und leisten wir Widerstand, wenn es um Unterdrückung von Menschenrechten, wie die der Glaubensfreiheit, geht.
Nehmen wir uns Menschen mit Rückgrat und Haltung als Vorbilder für unser Leben!“

Rede von Hannelore Prechtel bei der Stolperstein-Verlegung für Familie Friedbauer

„Verehrte Anwesende,
wir wollen mit diesen drei Stolpersteinen ein Zeichen setzen für drei Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden. Eines unvorstellbaren Verbrechens, begangen von Deutschen an Deutschen aus keinem anderen Grund als Hass.
Die Steine erinnern an die Ermordung von Karl und Charlotte Friedbauer, den Eltern von Leopold Friedbauer, in Konzentrationslagern, und an die Leiden von Leopold Friedbauer im KZ Buchenwald bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee im April 1945. Sie konnte ihm das Leben retten, jedoch nicht von der seelischen Belastung des Erlebten und des Erlittenen befreien.
Die Stolpersteine sollen mit Namen und Daten die beiden Ermordeten und den Überlebenden aus der Anonymität holen und an sie erinnern. Die Steine mit ihren Namen sollen zeigen, dass Leopold, Karl und Charlotte Friedbauer zu unserer Gesellschaft gehören wie alle Lebenden und Toten in unserem Land.
Als Einzige, die an Leopold Friedbauer, wenn auch nur einige, leider nicht deutliche Erinnerungen hat, möchte ich diese doch mit Ihnen teilen.
Wenn ich an Onkel Leopold, wie meine Schwester und ich ihn nannten, denke, sehe ich einen freundlichen uns zugewandten Menschen. Wir Kinder betrachteten Onkel Leopold fast als Teil der Familie. Er war, soweit ich mich zurückerinnere, fast jeden Abend bei uns. Ich erinnere mich, wie er häufig mit meinem Vater und einem Dritten, der manchmal meine Mutter war, Skat spielte und ich auf der Sessellehne zuschaute. Fehlte der dritte Mann, wie man bei Skat sagt, spielte Onkel Leopold mit mir und meinem Vater Brettspiele oder andere Kartenspiele.
Ich erinnere mich auch, wie er für mich und mit mir kindliche Bilder malte. Von Beruf Schildermaler, damals ein Beruf, der künstlerische Fähigkeiten verlangte, versuchte er wohl, bei mir auch malerische Talente zu wecken.
Solche Erinnerungen reichen bis zu der Zeit, als meine Mutter mit uns zwei Töchtern im Frühjahr 1943 wegen der Bombenangriffe in einen kleinen Ort im Böhmerwald zog. Mein Vater blieb in Berlin. An den Abschied kann ich mich nicht erinnern. Aber es gab ein gerahmtes Bild mit einem Vers, das Leopold Friedbauer meiner Mutter schenkte.
Dieses Bild hat meine Mutter bis an ihr Lebensende aufbewahrt und aus dem in kunstvoller Schrift zitierten Vers wohl auch Kraft in schweren Momenten geschöpft.

Ich möchte diesen Vers in Erinnerung an Onkel Leopold zitieren:
Immer, wenn Du meinst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her,
dass Du es noch einmal wieder zwingst
und von Sonnenschein und Freude singst.
Leichter trägst die schwere Last und
wieder Glaube, Mut und Freude hast.

Leopold Friedbauer kam wohl bis zu seiner Deportation ins Konzentrationslager im Herbst 1943, abends nach seiner Zwangsarbeit weiterhin zu meinem Vater in die Wohnung am Treptower Park. Heute frage ich mich, wie das überhaupt möglich war mit dem Judenstern am Mantel. Wahrscheinlich hat er den Hintereingang des Hauses benutzt. Wo war er aber bei plötzlichem Fliegeralarm? In den Luftschutzkeller, in dem wir Schutz suchten, durfte er nicht.
Weiteres Wissen über Leopold Friedbauer habe ich nur aus Erzählungen meiner Mutter. Er war schon als Schüler mit meinem Vater befreundet, lebte in unmittelbarer Nachbarschaft von ihm und dessen verwitweter Mutter, einer Gymnasiallehrerin. Da mein Vater keine Geschwister hatte, haben sein Freund Leopold und er schon damals viel gemeinsam unternommen und erlebt. Beide haben unter unterschiedlichen Bedingungen 1945 das Ende der schrecklichen
Zeit überlebt. Dann aber hat das Schicksal, nach einem kurzen Wiedersehen, die Leben der beiden Freunde für immer getrennt. Mein Vater (Werner Wendlandt) wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht im Herbst 1945 in das Lager Sachsenhausen gebracht, wo er die unmenschlichen Bedingungen im Winter 1947 nicht überlebte.
Leopold Friedbauer lebte bis zu seinem Tod 1976 mit seiner Frau und seinem Sohn in Ostberlin.
Ich danke ihnen.“