Stolperstein-Verlegung für die Familie Levi am 23.01.2026
3. Februar 2026
Begrüßung Mathias Ehrich, Stolperstein-Initiative beim Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Treptow
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister Igel, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Schülerinnen und Schüler des Gebrüder-Montgolfier-Gymnasiums, liebe Gäste!
Heute ist ein außergewöhnlicher Tag. Zur Verlegung von vier Stolpersteinen für Moritz, Frieda, Chaim und Siegbert Levi hier an ihrem letzten selbst gewählten Wohnsitz in Berlin-Johannisthal sind enge Familienangehörige aus Israel, Italien und Neuseeland angereist: Yariv und Merav Keren, die Enkel von Chaim, und Siegberts Enkel Yuval mit Tochter Nitzan sowie Dana, Noa und Idit Yeshouroune, zusammen mit Noas Ehemann Jim.
Ihnen gilt ein besonders herzliches Willkommen in der Heimatstadt Ihrer Großeltern. Shalom! Willkommen in Berlin!
Wahrscheinlich werden Sie mit gemischten Gefühlen hierher gekommen sein. Schließlich wurden Ihre Großeltern mit ihren beiden Söhnen von hier vertrieben, verloren sie auf Druck der Nazis ihre Heimat, und Berlin wurde zum Ausgangspunkt der Shoa, des größten Menschheitsverbrechens aller Zeiten. Ich kann gut verstehen, dass sich manche Überlebende des Holocaust nicht mehr dazu durchringen konnten, noch einmal ihren Fuß auf deutschen Boden zu setzen, aber wir finden es großartig, dass Sie heute hier sind.
Denn Berlin hat sich wie ganz Deutschland von Grund auf verändert. Vielleicht können Sie einen kleinen Eindruck davon gewinnen, auch wenn die Zeit Ihres Aufenthalts zu kurz für ein gründliches Kennenlernen unserer heutigen Gesellschaft sein möge. Sie selbst sind der beste Beleg dafür, dass es den Nazis nicht gelungen ist, das ganze jüdische Leben auszumerzen.
81 Jahre ist es nun her, dass die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreite. Die Alliierten machten 1945 der faschistischen Herrschaft ein Ende. Heute zählt die Jüdische Gemeinde zu Berlin wieder etwa 12.000 Mitglieder. Ungefähr 15.000 säkulare Israelis und Jüdinnen und Juden aus anderen Ländern leben hier. Die Tatsache, dass wir heute in aller Öffentlichkeit Moritz und Frieda Levi und ihrer Söhne gedenken, spricht für den gewandelten Geist der Gesellschaft. Wir dürfen aber auch nicht übersehen, dass der Antisemitismus lebt und sogar stärker wird. Umso wichtiger ist es, die Verbrechen der Nazizeit niemals zu vergessen. Stolpersteine sind nicht nur zur Erinnerung gedacht, sondern auch als kleine, aber wirkungsvolle Bremsklötze gegen das Wiedererstarken rechtsextremer Tendenzen.
Deshalb finde ich es auch so bemerkenswert, dass sich Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Lehrkräften des Gebrüder-Montgolfier-Gymnasiums mit vielen Ideen, mit Flyern und Postern an der Vorbereitung und Gestaltung unserer Gedenkstunde für die Familie Levi beteiligen. Schon bei der Verlegung eines Stolpersteines für Elsa Meenen im vergangenen Jahr gleich hier um die Ecke waren sie dabei. Und ich gehe davon aus, dass sie sich auch in die noch in diesem Jahr anstehende Ehrung von fünf jüdischen NS-Opfern hier in Johannisthal aktiv einbringen werden. Dafür ein ausdrückliches Dankeschön. Wer, wenn nicht die junge Generation, soll den Kampf gegen Faschismus und Krieg weiterführen?
Die Stolperstein-Initiative in Steglitz hat für die heutige Ehrung der Familie Levi wichtige Vorarbeit geleistet. Pfarrerin Andrea Köppen von der Lukasgemeinde und das Ehepaar Maria und Wilhelm Schmitz, die heute unter uns weilen, haben die Recherche über die Levis in Gang gebracht, weil sie zunächst davon ausgegangen waren, dass die Arndtstraße in Steglitz die letzte Wohnanschrift vor der Auswanderung der Familie Levi gewesen ist.
Wie Sie sicherlich wissen, werden Stolpersteine durch Spenden finanziert. Deshalb sind wir auch sehr dankbar dafür, dass die Wohnbauten-Gesellschaft STADT UND LAND die Bezahlung für die vier Steine der Familie Levi übernommen hat.
Masel Tov und Auf Wiedersehen!“






Marianne Gaehtgens, Stolperstein-Initiative des BdA Treptow
„Moritz Levi wurde am 2. Februar 1890 in Grevenbroich bei Mönchengladbach im
Rheinland geboren. Sein Vater war der Kaufmann Bernhard Levi , seine Mutter war Julia
Levi, geb. Rosen. Beide Eltern starben im Mönchengladbach im Jahr 1934.Moritz
besuchte 8 Jahre lang die jüdische Volksschule in Mönchengladbach. Es gibt eine, wenn
auch schlechte Kopie seines Abgangszeugnisses von 1904. Er wird mit guten Noten nach
vorschriftsmäßig abgehaltener Prüfung entlassen. Er macht eine kaufmännische Lehre in
der Herrenkleiderfabrikation und war in dieser Branche bis zum Beginn des ersten
Weltkriegs tätig. Danach war er Soldat bis zum Ende des Krieges.
Am 20. März 1918 heiratet er in Berlin Frieda Kornblum, geb. am 26. Juli 1895. Sie lebten
von 1918 bis 1929 in Steglitz in der Arndtstraße 17. Ab 1930 sind sie im Jüdischen.
Adressbuch hier in der Greifstraße 16 in Johannisthal gemeldet. In der Arndtstraße sind
ihre beiden Söhne geboren: Chaim 1919 und Siegbert 1924.
Moritz Levi war zunächst Büroangestellter bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse, 1922
übernahm er die Büroleitung des Jüdischen Palästinawerks KEREN HAJESSOD Berlin.
Das war eine Organisation zur Förderung der zionistischen Siedlungsarbeit in Palästina,
lange vor dem NS Terror. Das Büro war wohl angesiedelt beim Palästina-Amt in der
Meineckestraße 2 in Wilmersdorf, an dem heute eine Gedenktafel angebracht ist. 1922
erschien in Berlin auch der Sammelband des Palästinawerks: „ Der Aufbau Palästinas und
das deutsche Judentum“.
Moritz Levi war ab 1928 bis zur Auswanderung 1935 in der Propagandaabteilung tätig,
pflegte die Kontakte mit der Zentrale in London, mit anderen europäischen Ländern und
mit Jerusalem.
Die beiden Söhne gingen in Niederschöneweide zur Schule, auch von Siegbert existiert
ein Schulzeugnis aus dem Jahr 1934. Nach der Auswanderung begann ein völlig anderes
Leben als Pionier in einem kleinen genossenschaftlichen Bauerndorf Ramot HaShavim,
das bedeutet“ Anhöhen der Heimkehrer“. Es wurde 1933 als Moschaw von deutschen
Einwanderern gegründet. In einem Moschaw gibt es noch einiges Privateigentum,
während in einem Kibbuz alles vergemeinschaftet ist. Hier betrieb die Familie einen
kleinen Bauernhof mit einer Hühneraufzucht.
Sie nehmen israelische Namen an: aus Moritz wird Moshe, aus Siegbert wird
Yitzchak.1958 wurde über die URO (United Restitution Organisation) ein
Entschädigungsantrag gestellt. Die Familie wird mit einem Betrag entschädigt für alle
Rentenansprüche und für alles, was sie verloren hatte und zurücklassen musste. 1965
stirbt Moritz Levi, seine Frau Frieda bekam bis zu ihrem Tod 1972 noch eine kleine
Witwenrente.
Wir haben hier heute 6 Enkel und 1 Urenkelkind der beiden zu Gast, daher noch einen
kurzen Lebenslauf der Söhne Chaim und Siegbert.
Chaim kämpfte im 2. Weltkrieg in der jüdischen Brigade der Britischen Armee. Er heiratete
1939 Aliza Friedmann. Sie hatten 3 Kinder und bewirtschafteten ebenfalls einen kleinen
Bauernhof. Chaim starb 1981, seine Frau Aliza 2005, und sie hinterließen insgesamt neun
Enkelkinder.
Siegbert bzw. Yitzchak heiratete 1947 Ruth Nebel aus der Gegend um Donauwörth. Sie
kämpften beide im Unabhängigkeitskrieg 1948 und wohnten danach ebenfalls in einem
Moshaw. Yitzchak arbeitete als Busfahrer. Außerdem betrieben sie eine Landwirtschaft mit
Hühnerzucht und Orangenplantage. Mehrfach besuchten sie Berlin und die Familie des
Bruders der Großmutter Frieda Levi geb. Kornblum. Julius Kornblum, seine Frau Herta
und Sohn Hans hatten in Berlin den Naziterror überlebt.
Yitzchak starb 2011, seine Frau Ruth 2022. Sie hinterließen zwei Kinder und 6
Enkelkinder, eine von ihnen ist Dana Yeshouroune, auf deren Initiative die Stolperstein-
Verlegung heute hier stattfindet, und die uns sehr geholfen hat, die Familiengeschichte zu
recherchieren.“
Laura Fleischmann, Euronews Germany, 27.01.2026
Am Holocaust-Gedenktag wird in ganz Deutschland der Opfer des NSRegimes
gedacht. Gleichzeitig steigt der Antisemitismus in Deutschland
alarmierend.
Er ist das wohl kleinste Denkmal der Welt: der Stolperstein. Mehr als 116.000 von ihnen
zieren mittlerweile weltweit Gehwege, die meisten von ihnen auf deutschen Straßen.
Seit 1992 läuft das Projekt und immer noch kommen neue Steine hinzu. So auch in Berlin-
Johannisthal an der Greifstraße 16. Seit wenigen Tagen wird hier an die Familie Levi erinnert:
an Mutter Frieda, Vater Moritz sowie die Söhne Siegbert und Chaim. 1934 floh Chaim als
Erster in das heutige Israel. Ein Jahr später folgte der Rest der Familie.
„Es ist sehr bewegend. Wir haben nun über zwei Jahre daran gearbeitet“, sagt Dana
Yeshouroune, Enkelin von Siegbert Levi. „Wir konnten einige Fakten herausfinden, die wir
vorher nicht kannten. Wir wussten nie, dass unser Großvater im Ersten Weltkrieg in der
deutschen Armee gedient hat.“
Nach ihrer Flucht baute sich die Familie ein neues Leben auf. In der Nähe von Tel Aviv
betrieb sie einen kleinen Bauernhof mit Hühnern. Zur Stolperstein-Verlegung reiste Dana
Yeshouroune gemeinsam mit weiteren Nachfahren aus Israel an, auch Angehörige aus Italien
waren dabei.
Über ihren Großvater sagt sie: „Er bewunderte vieles an Deutschland – seine Herkunft, seine
Wurzeln, die Art und Weise, wie er aufgewachsen ist. Gleichzeitig war er aber auch wütend
und enttäuscht darüber, dass er gezwungen war, dieses Land zu verlassen.“
Verlegt werden die Steine am letzten selbstgewählten Wohnort der Opfer. Zurück geht die
Idee der Stolpersteine auf den Künstler Gunter Demnig. Bewusst habe er sich für „die
entschleunigten und kontinuierlichen Verlegungen entschieden, da er damit der
fabrikmäßigen Massenvernichtung der NS-Zeit entgegenwirken möchte.“
Gewalt gegen Juden steigt enorm
Auch im Ausland, in Frankreich, den Niederlanden, Russland und weiteren Ländern, wird mit
den kleinen Steinen Menschen, vor allem Juden, gedacht, die während des Holocausts von
Nationalsozialisten ermordet, verschleppt oder vertrieben wurden.
„Es ist sehr wichtig, dass man die Namen der Opfer sichtbar macht und auch sichtbar
macht, dass die Menschen unsere Nachbarn waren und wo sie gelebt haben“, so Sabine
Kasten vom Bund der Antifaschisten Treptow, der die Steine verlegt hat.
Gleichzeitig erleben jüdische Menschen in Deutschland weiterhin Diskriminierung. Die Zahl
antisemitischer Straftaten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Von 2020 bis 2024
hat sich die Zahl mehr als vervierfacht, so der Bundesverband RIAS e.V.. Zu antisemitischen
Vorfällen zählt das Projekt Gewalt, Sachbeschädigung, Bedrohungen sowie verletzendes
Verhalten. Auch Versammlungen sowie antisemitische Massenzuschriften werden
mitgezählt.
Auch die offiziell erfassten Straftaten nahmen deutlich zu: von 2.351 im Jahr 2020 auf 6.236
im Jahr 2024, wie Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen.
Um ein Zeichen zu setzen, halten Anwohner in Berlin-Kreuzberg wöchentlich eine
Mahnwache vor der Synagoge am Fraenkel-Ufer ab. „Es ist ein Skandal, dass jüdische
Menschen in unserem Land Polizeischutz brauchen, wenn sie in ihre Synagoge gehen
wollen“, sagt Julia Ertl. Fast jede Woche setzt sie vor der Synagoge ein Zeichen gegen
Gewalt an Juden.
„Der Antisemitismus in Deutschland ist seit dem 7. Oktober 2023 explosionsartig
gewachsen. Alle Zahlen deuten darauf, dass er sich nun auf einem erschreckend hohen
Niveau verfestigt“, so Dr. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden, zu
Euronews.
Schuster betont, dass Sicherheitsmaßnahmen allein nicht ausreichen. „Das ist Symptom-
Bekämpfung, die Antisemiten nicht von unseren Straßen vertreiben wird.“Stattdessen
fordert er, die Ursachen stärker zu bekämpfen.
Etwa sechs Millionen Juden wurden während des NS-Regimes von Nationalsozialisten
sowie ihren Verbündeten ermordet, viele von ihnen im Konzentrations- und
Vernichtungslager Auschwitz. Der 27. Januar erinnert an den Tag im Jahr 1945, an dem
sowjetische Soldaten das Lager befreiten.
